Eisernes Buch
der Gemeinde Lobberich (1929)

- Ehrenmalsenthüllung -

Seiten 237-251

eisernes Kreuz

 

Ehrenmalsenthüllung durch den hochw. Herrn Armeebischof Dr. Joeppen am 12. September 1926. Sehnsüchtig erwartete die Gemeinde Lobberich den Tag, an dem das Ehrenmal enthüllt und durch feierliche Weise seinem Zweck übergeben werden sollte. Endlich war der 12. September 1926 gekommen. Herr Bürgermeister Eger hatte den in Hüls im Ruhezustande lebenden hochwürdigsten Herrn Feldpropst und Titularbischof von Cisamo, Dr. Heinrich Joeppen eingeladen, um die Enthüllung des Ehrenmals vorzunehmen. Außer den hiesigen Vereinen waren viele Vereine der Nachbargemeinden zur Teilnahme am Festakte eingeladen worden und recht zahlreich erschienen. Der Ort Lobberich prangte im Festgewande und glich einem Flaggenmeer. Das Wetter war günstig, sodass sich das gesamte Festprogramm ganz in der gewollten Weise abwickeln konnte. Festprogramm: In den Kirchen beider Konfessionen wird während des Hauptgottesdienstes der gefallenen Krieger unsere Heimat gedacht. Die Fahnenabordnungen und Deputationen der Ortsvereine treten um 9 ¾ Uhr vormittags auf dem Marktplatze an und marschierten in geschlossenem Zuge zur Kirche. Nachmittags 4 Uhr: Antreten der Vereine und Bruderschaften auf der Süchtelner Straße. Kleidung: Möglichst in dunklem Anzug und Zylinder, wenn nicht Sportkleidung in Frage kommt. Nachmittags 4 ½ Uhr: Festzug durch die Gemeinde zum Ehrenfriedhof. Hier feierliche Enthüllung des Kriegerehrenmals. 1. Lobbericher und Gassenfelder Musikverein: Choral. 2. Männergesangverein der Lobberich: Massenchor „Über den Sternen“ von Franz Abt. 3. Gedächtnisrede und Übergabe des Ehrenmals in die Obhut der Gemeinde: Hochw. Herr Feldpropst der Armee und Titularbischof Dr. Joeppen- Hüls. 4. Übernahme seitens des Bürgermeisters Eger als Vertreter der Gemeinde. 5. Prolog: „Den Toten des großen Krieges“, Fräulein Marianne Meyes. 6. Männergesangvereine der Gemeinde Lobberich: „Der gute Kamerad“. 7. Lobbericher und Gassenfelder Musikverein: Trauer- Choral. Hiernach Rückmarsch zum Markt. Dortselbst: Begrüßung der Gäste und der auswärtigen Vereine doch Herrn Bürgermeister Eger. Sodann Auflösung des Zuges um zwangloses Beisammensein in den Sälen Bellenberg und Gesellenhaus. Nachmittags 5 Uhr und 8 Uhr wird im Apollo– Theater der hochkulturelle Film: „Das deutsche Mutterherz“ (den Leuten Müttern gewidmet) gezeigt. Abends 8 Uhr Fackel– Sternlauf der zum Zweckverband für Leibesübungen angeschlossenen sporttreibenden Vereine zum Rathausplatz. Festgottesdienst. Am Sonntag, den 12. September 1926, rief um 9 ¾ Uhr vormittags da volle Akkord das Glocken der katholischen Pfarrkirche die Gläubigen zum Festgottesdienste. Zahlreiche Vereins– und Fahnenabordnungen, die auf dem Marktplatze Aufstellung genommen hatten, zogen unter den Marktklängen des Lobbericher Musikvereins zur Kirche, wo die feierliche Handlung durch einen größeren Orgelvortrag des Organisten und Chorleiters Herrn W. Frohn recht würdig eingeleitet wurde. An den untersten Stufen des Hauptaltares hat eine Gruppe weißgekleideter Mädchen Aufstellung genommen, von denen Marianne Meyes, den Blick den zahlreich erschienenen Gläubigen und der Kriegergedächtniskapelle zugewandt, folgenden Prolog mit überall vernehmbare Stimme vortrug: Weihrauchwölkchen wallen Zum Altar empor, bunte Strahlen fallen in den hohen Chor. Und Gebet und Lieder Jauchzen himmelwärts; Mildreich senkt sich nieder Trotz ins wunde Herz. Beters Blicke sehen Zu der Ehrenstell´ Wo unt´r Turmeshöhen Stehn viel Namen hell. Sin die, die gefallen In dem wilden Krieg, die den Betern allen pflückten Sieg auf Sieg. Die vor Zeit als Jungen Auch hier einst geweilt, Gottes Lob gesungen Sündenschuld geheilt. Nun steht ihr geschrieben An der Kirche Wand, sterbend treu geblieben eurem Vaterland. Schlicht und groß soll melden Dort die Schrift so blank: Das sind uns´re Helden, ewig ihren Dank! Darauf überreichten die weißgekleideten Mädchen dem Herrn Dechanten Boers mehrere prachtvollen Blumenkörbe und Blumensträuße zur Schmückung des Altares, auf dem zu Ehren der gefallenen Helden das feierliche Messopfer dargebracht werden sollte. Jetzt nun das von Herrn Kaplan Dr. de Cleur unter Assistenz des Herrn Kaplans Werheit des Herrn Neupriesters zumengen zelebrierte Messopfer seinen Anfang. Der rührige Pfarrcäcilienchor verschönerte die Feier durch den Vortrag eigens für diesen Tag ausgewählter Gesängen in hervorragender Weise. Atemlose Stille herrschte, als Herr Dechant Boers nach dem Evangelium die Kanzel zu Festpredigt bestieg. In der allen zu Herzen gehenden Ansprache wusste Herr Dechant Boers die Gläubigen zu fassen, in eine Ansprache, die in knapper Form markige und sinnvolle Gedanken vermittelte. „Heute“, so führt der Herr Dechant Boers unter anderem aus, „begehen wir in Lobberich einen Festtag, wir er in der Geschichte einer Gemeinde nicht häufig ist. Regsten Anteil nimmt die engere Gemeinde, unsere Pfarrer, an diesem Ereignis, und sie hat sich darum hier zum großen Teile ein gefunden, um in einer gemeinsamen Feier das Andenken an unsere teureren Toten zu begehen. Acht Jahre sind seit Beendigung des gigantischen, welterschütternden Ereignisses dahingegangen, seit jener Zeit, da der furchtbare Krieg für uns Deutsche ein noch schrecklicheres Ende nahm. Damals mochte es uns fast scheinen, als sei das Felhen unserer gemeinschaftlichen Kriegsgebete vor Gottes Thron nicht gehört worden. Heute aber sehen wir das Geschehene mit ganz anderen Augen, und der Klarblick, den uns die Zeit gegeben, lässt uns erkennen, dass kein Sieg größer sein konnte, als derjenige, den es deutsche Volk über sich selbst errang. Der unerschütterliche Glaube an Gott und sich selbst hat dann aber auch äußerlich unser Vaterland der in gebührenden Machtstellung näher gebracht. Gerade im Laufe der vergangenen Woche war es dem deutschen Volke vergönnt, seine Vertreter als gleichberechtigte Mitglieder in den großen Rat der Völker einziehen zu sehen. Wenn so das Morgenrot des großen deutschen Morgens bereits am Horizont aufflammt, dann ist es nicht mehr als dankbar, diesen Augenblick in ganz besonderer Weise dem Gedenken unsere gefallenen Helden zu widmen. Darum geloben wir Ihnen heute erneut Treue im Gedenken und Treue im Gebete. Zahlreich sind die Opfer, die unsere Gemeinde während des großen Krieges bringen musste. Die Namen von 246 Söhnen unserer Pfarre zieren die Ehrentafel unserer Kriegergedächtniskapelle, und mehr als 2 Millionen deutsche Männer und Jünglinge waren es, die an der Front den Kugeln der Feinde ihre Brust boten, um dadurch ihre Angehörigen und ihre Heimat vor den Wirren und Greueln der Kriegsfurie zu bewahren. Hätten sie nicht mit solch bewundernswürdigem Heldenwillen der fast zehnfachen Übermacht standgehalten, wäre Deutschland heute ein einziger Trümmerhaufen und ein unübersehbares Leichenfeld. Darum gedenken wir ihrer heute nicht allein als unsere lieben Toten, sondern preisen wir sie und danken wir Ihnen als die in ihre Tapferkeit und ihrem Opfersinn unübertrefflichen Helden. Ich weiß, dass diese Worte an die empfindliche Wunde von mancher Mutter und Gattin und so vieler Kriegswaisen rühren, die oft und bitterlich das Schicksal nach dem „Warum“ und „Wozu“ all diese Opfer gefragt haben, aber ebensowenig wie das bittere Leiden und Sterben des Heilandes vergebens gewesen ist, haben auch die Gefallenen des vor vergangenen Krieges und deren schwergeprüfte Angehörigen den Kelch des Leidens vergeblich hingenommen. Vertrauen wir auf unsere Zukunft auch weiterhin. Wie der heute zu weihende Stein den Stürmen und Jahrtausende trotzdem, so wird auch Deutschlands Zukunft, um deretwegen unsere Helden starben, nicht gefährdet sein, wenn wir nicht aufhören, auf Gott zu vertrauen. Hoffnungsvoller als in allen Nachkriegsjahren schauen wir besonders am heutigen Festtage in unseres Vaterlandes Zukunft; denn ein Volk, dass so seine tapferen Helden ehrt, wie es heute in Lobberich geschieht, ist solcher Opfer wert und wird aus diesen neuen Leben gewinnen und es zum Lichte führen!“ Nach dem Festgottesdienste marschierten die Vereins– und Fahnenabordnungen zum Marktplatze zurück, wo sich der Zug auflöste. Auch im Bethaus der evangelischen Gemeinde gedachte man dem Festgottesdienste in Lied und Wort der Bedeutung des Tages, an dem unsere Gemeinde ihren in Weltkriege Gefallenen ein Ehrenmal setzte. Im Anschluss an das Schriftwort Joh. 11.11. (Auferweckung des Lazarus) sprach Herr Pfarrer Remmert den schwer heimgesuchten Angehörigen der Gefallenen Trost zu: „Wenn Gottes Schläge zunächst auch hart und bitter sind, so weiß er doch zu unserem Heil die geschlagenen Wunden zu verbinden und zu heilen. Zum Schutze von Heimat und Vaterland haben unsere Krieger ihr Höchstes, nämlich Leib und Leben eingesetzt, und niemand hat größere Liebe, denn dass er wie der Heiland selber sein Leben lässt für seine Freunde. Solche Opfer legen uns Überleben in eine unbegrenzte Dankespflicht auf. Gott, der Herr, lohnt Ihre Treue, in dem sie schmückt mit der Krone des Lebens, den ewigen Leben. Sind die heimgegangenen Augen auch für dieses Leben geschlossen, vielfach ruhend in fremder Erde, so hoffen wir doch auf ein Wiedersehen im Jenseits.“ Der Festzug. Bereits in den ersten Nachmittagsstunden setzte der Anmarsch der auswärtigen Vereine ein. Über 70 Vereinen mit 41 Fahnen und zahlreichen Musikkapellen hatten sich zu einem unübersehbaren Festzuge gruppiert, als ich diese gegen 4 ½ Uhr durch die Menschen dichtumsäumten Straßen in Bewegung setzte. Es war ein Festzug, wie in Lobberich glänzender wohl noch nie gesehen hat Zug- Ordnung: Reiterkorps, Trommlerkorps der Freiwilligen Feuerwehr Lobberich, Feuerwehrabteilung, Lobbericher Sportklub 02, Turnverein Lobberich, Gassenfelder Spielverein, Lobbericher Musikverein, Kriegerverein Dedt, Kriegerverein Dornbusch, Kriegerverein Schaag, Kriegerverein Börholz, Kamaradschaftliche Vereinigung ehemaliger Soldaten Süchteln, Kamaradschaftlicher Gardeverein Dülken, Artillerieverein Hüls, Kriegerverein Bracht, Militärverein Hüls, Kavallerieverein Kempen, Trommlerkorps Hinsbeck, Kriegerverein Hinsbeck, Kriegsteilnehmerverein Hinsbeck, Kriegsbeschädigten- Vereinigung Dedt, Gardeverein St. Hubert, Kriegerverein St. Tönis, Landwehr- Unterstützungsverein St. Tönis, Kriegerverein Lobberich, Artillerieverein Lobberich, Kriegsbeschädigten- Vereinigung St. Tönis, Kriegsbeschädigten- Vereinigung Süchteln, Kriegsbeschädigten- Vereinigung Breyell, Kriegsbeschädigten- Vereinigung Bracht, Kriegsbeschädigten- Vereinigung Brüggen, Gassenfelder Musikverein, Katholischer Jünglingsverein Lobberich, Vereinigung der Kriegshinterbliebenen Lobberich, Weißgekleidete Mädchen, Gemeinderat, Festausschuss und Gäste, Kriegsbeschädigten- Vereinigung Lobberich, Feuerwehrkapelle Ödt, Kriegsbeschädigten- Vereinigung Boisheim, Kriegsbeschädigten- Vereinigung Grefrath, Kriegsbeschädigten- Vereinigung Kaldenkrichen, Kriegsbeschädigten- Vereinigung Hüls, Kriegsbeschädigten- Vereinigung Vorst, Kriegerverein Breyell, Männergesangverein und gem. Chor Lobberich, Männergesangverein „Hoffnung“ Lobberich, Männergesangverein „Eintracht“ Lobberich, Männergesangverein „Frohsinn“ Lobberich, Niederländische Vereinigung, Ortsgruppe Lobberich, Sanitätskolonne Lobberich, Mandolinenklub Zugvogel Lobberich, Katholischer Gesellenverein Lobberich, Vereinigung der Kriegsgefangenen Lobberich, Vereinigung der ehemaligen Kriegsgefangenen Kaldenkrichen Wirtschaftliche Vereinigung Lobberich, Kaufmännischer Verein Lobberich, Katholischer Arbeiterverein Lobberich, Trommlerkorps Grefrath, Junggesellen- Schützenbruderschaft Lobberich, St. Sebastianus- Bruderschaft Lobberich, Schützengesellschaft Viktoria Lobberich, Schützengesellschaft Deutsche Wehr Lobberich, Bürgerschützenverein Lobberich, Allgemeine Schützengesellschaft Lobberich. Der Festzug bewegte sich durch folgende Straßen: Süchtelner Straße, Kempener Straße, Neustraße, Steegstraße, Friedrichsstraße, Elisabethstraße, Bahnstraße, Hochstraße, Breyeller Straße, Kirchhoffstraße, Ehrenfriedhof Auf dem Rückmarsch durchzog er: Alleestraße, Hochstraße, Marktplatz. Auf dem Friedhof angelangt, bot sich dort ein Festteilnehmen ein unvergessliches schönes Bild, das dem Gemeinschaftsgeiste Lobberichs, wie immer, wenn es etwas Großes zu schaffen gilt, das beste Zeugnis ausstellt. Jedes Grab, auch das letzte, hatte im Laufe der letzten Wochen seine pflegende Hand gefunden. Blumen und Kränze überall, wohin man den Blick wandte. Wege und Beete strahlten in Ordnung und in Reinlichkeit. Denen, die für all das schöne einen Blick hatten, ist sicherlich die Zeit bis zum Eintreffen des hochwertigsten Herrn Bischofs nicht lange gefallen, besonders denen nicht, dieses Glück hatten, dem Ehrenfriedhof nahezustellen und diesen eingehend in Augenschein nehmen zu können. Verhüllt stand noch das Stein da, der sich wuchtig gegen seine Umgebung abhob. Beiderseits hatten Feldgraue im Stahlhelm unter Gewehr Posten gefasst. Fahnen, in denen Reichsfarben schwarz– rot– gelb, flatterten an hohen Masten. Innerhalb des eigentlichen Friedhofes hatten die Kriegshinterbliebenen und Kriegsbeschädigten, die Geistlichkeit beider Konfessionen, der Gemeinderat, die Ehrenmalskommission, die alten Veteranen, sowie zahlreiche Gäste Aufstellung genommen. Gegen 6 Uhr traf der hochw. Herr Armeebischof Dr. Joeppen, aus Rheinberg kommend, mit dem Auto hier ein, nachdem bereits vorher die Musikkapelle der Vereinigten Lobbericher Musikvereine einen Choral zu stimmungsvoller Wiedergabe gebracht hatte. In Begleitung des Herrn Dechanten Boers und des Herrn Bürgermeisters Eger betrat der hochw. Herr den Friedhof und schritt, nach allen Seiten freundlichen grüßend, durch die lange Reihe der spalierbildenden Festteilnehmer hindurch bis vor das Ehrenmal, wo ihm die beiden feldgrauen Soldaten durch Präsentieren des Gewehrs militärische Ehrenbezeugung erwiesen. Dann sangen unter Leitung des Herrn W. Frohn die Vereinigten Männergesangsverein Lobberichs das erhebende Lied: „Über den Sternen“, dessen stimmungsechte Darbietung dem Dirigenten als auch den Sängern ein gutes Zeugnis ausstellte. Als nunmehr Armeebischof Dr. Joeppen im Bischofskleid das Podium betrat und sich mit kräftiger, gut vernehmbarer Stimme an die Festversammlung wandte, die er bat, seine durch unvorhersehbare Umstände bedingte „Unpünktlichkeit“ zu entschuldigen, da erkannte man gleich in ihm den alten Soldaten, der die Pünktlichkeit zu den wichtigsten Tugenden eines Vaterlandsverteidigers zählte. Weder seine Stimme noch seine Haltung vertreten in ihm den bereits 74-Jährigen. In seiner Ansprache, die alle zu Herzen ging, und die besonders darum fesselte, weil sie aus dem Munde eines um die Sache des Vaterlandes so verdienstvollen Mannes kam, führte der hochw. Armeebischof unter anderem etwa folgendes aus: Sehr geehrter Herr Bürgermeister! Meine lieben Kameraden und Freunde! Ein Wort des Dankes zunächst, dass die Gemeinde Lobberich mich eingeladen habt, an der Ehrung der gefallenen Helden der Gemeinden teilzunehmen. Gerne und freudig bin ich der Einladung ihres Herrn Bürgermeisters, der dieselbe im Namen der Gemeinde an mich gerichtet hat, gefolgt. Es macht mir immer eine große Freude, wenn ich alte Bekannte, militärische Freunde und Kameraden wiedersehen darf. Der Anlass, der uns heute zusammengeführt hat, ist ja ernste Art. Es gilt dem Andenken derer, die für uns gefallen sind, dem Andenken derer, die einst in Lobberich gelebt haben, und die, um ihre Pflicht im Vaterland gegenüber nachzukommen, hinausgezogen sind, um Haus und Herd zu schützen vor feindlichen Angriff. Diesen für uns gefallen in Helden schulden wir Dank, herzlichen, innerlichen, unauslöschlichen Dank. Für wen sind sie gefallen? Für uns. Das dürfen wir niemals vergessen, dass die Tapfern für uns hinausgezogen sind, um unser Haus und unsern Herd zu schirmen. Sie taten dies in selbstlose Liebe zu uns. Vergessen wir es nie: Sie starben für uns! Für uns zogen sie hinaus, wären wir hier ruhig leben und weben konnten, haben Haus und Hof, Eltern und Geschwistern, Frau und Kinder verlassen. Warum? Um in Feindesland den feindlichen Angriff von unseren Grenzen abzuhalten. Dies ist leicht mit wenigen Worten gesagt, und doch, was liegt in diesen Worten alles! Welche Unsumme von Leid und Kummer, Entsagungen und Entbehrungen haben sie tragen müssen, die für uns geliebten und gestritten haben! Es ist unsere Pflicht, dies nicht zu vergessen, und namentlich am heutigen Tage gedenken wir dieser Pflicht besonders. Die Gemeinde Lobberich ist dieser Dankespflicht gegen ihre gefallenen Söhne dadurch in wahrhaft schöner und edler Weise nachgekommen, dass sie in Ehrenmal für ihre gefallenen Helden errichtet hat. Ich freue mich aufrichtig, bei der Enthüllung und Einweihung dieses Ehrenmal zugegen sein zu können. Es ist ein Denkmal aus Stein, das wir Ihnen gesetzt haben, aber der Stein als solcher ist kalt und tot und schweigt. An uns ist es, diesen totem, schweigenden Stein Leben und Sprache einzuhauchen dadurch, dass wir unseren Geist, zunächst den Geist der Dankbarkeit in dieses Gebilde legen, um nach außen hin zu bekunden, was wir für unsere gefallenen Helden fühlen. Denn was nützen und bedeuten Worte des Dankes, was nützt schließlich ein Gedenkstein, wenn wir nicht selbst mit unseren Herzen und Gefühlen unseren Gefallenen ein Denkmal setzen dadurch, dass wir der Gesinnung nachliefern, die die Gefallenen beseelt hat. Warum sind sie ausgezogen in den Krieg? Warum folgten Sie dem Rufe des Vaterlandes? Warum? Weil die Pflicht sie rief. Das ist der Grund der letzte der tiefste Beweggrund gewesen, der unsere Soldaten durchdrang. Sie opferten sich in dem Bewusstsein, das zu tun, was Gott und Gewissen, Vaterland und Gemeinde von Ihnen verlangte und nur dieser Gedanke, dieser hohe und erhebende Gedanke, ihre Pflicht zu tun, hat sich stark gemacht zu den geradezu übermenschlichen Leistungen, die sie erreicht haben. Groß ist das Beispiel, das unsere Kameraden uns gegeben haben. Wollen wir schwächliche Epigonen sein? Wahrhaftig nicht! Ihnen gleich sein in treuer Liebe und Pflichterfüllung, das ist unser Wunsch am heutigen Tage, an dem wir zur Enthüllung des Ehrenmals der gefallenen Krieger Lobberichs hier beisammen sind. Das Beispiel der gefallenen Kameraden soll ihn uns lebendig bleiben und soll uns anspornen zur Nacheiferung. Wir singen ja so gerne das das deutsche Gemüt so sehr ansprechende und zum deutschen Gemüte redende Lied: „Ich hatt´ einen Kameraden.“ Zum Schlusse heißt es hier: „Bleib´ du in ew´gen Leben, mein guter Kamerad“. Wir singen „guter“ Kamerad. Sollen unsere Kameraden im Jenseits gut für uns sein, so ist es an uns, das Unsrige zu tun, dass wir solche Kameradschaft würdig werden. Das wünsche und hoffe ich, dass dies in reichem Maße in Erfüllung gehen möge, dass das Bewusstsein der Pflicht und der Pflichterfüllung wachse, blühen und gedeihe und stets so schöne Früchte zeitige, wie das Leben unserer gefallenen Helden gezeitigt hat. Das sind meine Wünsche zum heutigen Feste. Nun meinen Dank zugleich im Namen der Gemeinde und des Herrn Bürgermeisters allen denen, die durch ihre Opferwilligkeit dazu beigetragen haben, dass dieses würdige Denkmal den gefallenen Helden errichtet werden konnte. Ich habe die Ehre, im Namen der hochherzigen Geschenkgeber dieses Denkmal dem Herrn Bürgermeister als Vertreter der Gemeinde Lobberich zu überantworten mit der Bitte, dass er es in seine Obhut nehmen und es hüten und schützen möge. Somit fallen denn die Hülle, damit wir im Hinblick auf dieses Denkmal den Wunsch und den Vorsatz und den Schwur erneuern, gute Kameraden zu sein, wie die Kameraden im Felde es gewesen sind, auf das wirklich in Erfüllung geht, wenn wir singen: „Bleibst du im ew´gen Leben Mein gute Kamerad“. Das walte Gott!“ In diesem Augenblick, als die Hülle fiel, verkündeten Böllerschüsse die Kunde von der vollzogenen Ehrenmalsenthüllung bis weit hinein in´s Land. Dann nahm Herr Bürgermeister Eger zu folgender Ansprache das Wort: „Eure Bischöflichen Gnaden Hochansehnlicher Festversammlung! Gepriesen sei der heutige Tag, an dem wir eine Ehrenmal der Öffentlichkeit übergeben, dass die Gemeinde Lobberich in tiefer Dankbarkeit den Toten des großen Krieges gewidmet hat. Glücklich kann sich die Gemeinde schätzen, die dank der Opferwilligkeit ihrer Bürger in verhältnismäßig kurze Zeit dieses Werk schaffen konnten. Darum folge ich gerne und freudig der Aufforderung des hochwürdigsten Herrn Bischofs, indem ich als gesetzlicher Vertreter der Gemeinde das Ehrenmal in den dauernden Besitz und Schutz der Zivilgemeinde Lobberich übernehme. Hochansehnliche Festversammlung! Mit dem Ehrenmal allein haben wir die Dankesschuld den toten Helden noch nicht abgetragen. Das Ehrenmal, vor vielen tausend Jahren aus Feuer geboren, ruft uns als ernster Mahner dazu: „Deutsches Volk! Vergiss die teuren Toten nicht! Vergisst nicht, dass sie in hingebender Liebe zu Heimat, Volk und Vaterland ihr junges Leben für uns dahinhingegeben haben. Vergiss nicht, dass sie für die deutsche Ehre und für die deutsche Einheit gekämpft und gelitten haben.“ Darum, ihr deutschen Frauen, ihr deutschen Männer, halte es aus in der Zeit der größten wirtschaftlichen Not unseres Vaterlandes. Harret aus in der festen Zuversicht auf den dereinstigen Wiederaufbau unseres geliebten Vaterlandes. Wenn das geschieht, dann wird die deutsche Einheit felsenfest stehen wie dieses Ehrenmal. Dann werden eines Tages unsere Kinder die aufsteigende Morgenröte sehen, der eine hellleuchtende Sonne folgt, die ein neues, friedlich arbeitendes Deutschland gar lieblich bescheint. Erst dann haben wir unsere Dankesschuld abgetragen. Geloben wir deshalb in dieser weihevollen Stunde, in unverbrüchlicher Treue und Hingabe zum Vaterland zu stehen, damit die toten Helden nicht umsonst für uns gestorben sind und die Worte des Arbeiterdichters Lersch in Erfüllung gehen: „Deutschland muss leben, selbst wenn wir sterben müssen.“ Mit diesem ihrem Gelöbnis lege ich namentlich der Gemeinde Lobberich einen Lorbeerkranz an dieser Gedächtnisstätte nieder.“ Eine Gruppe weißgekleideter Mädchen trat nachdem die Rede verklungen, vor das Ehrenmal, wo Fräulein Marianne Meyes nachstehend, von ihrem Vater abgefassten Festprolog zu Gehör brachte: Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben! Den Toten des großen Krieges! O schlummert sanft, die ihr gerungen Mit hohem Ernst und stiller Treu! Der Schlachtenlärm ist längst verklungen, Auf euren Gräbern grünt es neu. War ihr getan, wird ewig leben Im Vaterland bei alt und jung Und still wird euer Grab umschweben Der Engel der Erinnerung. Und schmückt auch ihrem fernen Hügel Mit Blumen nicht der Liebe Hand, so schwingt die Hoffnung doch die Flügel: Auf Wiedersehn im Himmelsland! Und trumphierend steht der Glaube Am Heldengrab und betet an. Was Staub ist, lässt er gern dem Staube, Was ewig, schwingt sich himmelan. Dort blüht ein Lenz im heil´gen Frieden, Verstummt ist Kampfgeschrei und Leid! Und dem, der treu gekämpft hienieden, Ist seine Krone dort bereit: Der Treue ew´ge Siegerkrone! Mehr als das Ehrenkreuz der Welt, Gilt droben sie vor Gottes Throne, Wenn einst der Ew´ge Heerschau hält. Dann stehen in den ersten Reihen, Die recht gekämpft, geglaubt, geliebt, Die dem ihr Leben wollten weihen, Der Luft für Leid der Erde gibt. Ein rührender Akt war es, als die Mädchen den schlichten Eichenkranz um das Ehrenmal wanden und an den Gräbern der 27 auf dem Ehrenfriedhof beigesetzten Krieger Rosengebinde niederlegten, dabei das Töchterchen unseres Herrn Bürgermeisters, Leni Eger, die Worte sprach: „Die Gräber unserer Helden Mit Blumen schmücken wir, Die kleinen Kreuze melden Uns ihrer Namen Zier.“ Jetzt sagen in die Vereinigten Lobbericher Gesangsvereine im Massenchor, das alte und von deutscher Eigenart getragene Lied: „Ich hatt´ einen Kameraden“. Während die Musikvereine zum Abschluss der Feierlichkeit noch einen Trauerchoral anstimmten, ließ sich Herr Bischof Dr. Joeppen auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin die am Ehrenmal versammelten Herrn einzeln vorstellen. In lautseliger Weise, für jeden der Anwesenden ein passendes Wort bereit habend, begrüßte der hochw. Herr die kath. Geistlichkeit ferner Herrn Pfarrer Remmert, Herrn Reinhard Boetzkes, die Herren der Ehrenmals- Kommission und des Gemeinderates, sowie Fräulein Lehrerin Gertrud Janssen, die die Führung und Vorbereitung der Bräutchengruppe wie immer so auch diesmal mit Liebe und Opferwilligkeit übernommen hatte. Besonderer Verehrung erfreuten sich die alten Veteranen, unter denen der Herr Armeebischof den in Lobberich allbekannten Herrn Wilhelm von Bergh in ein kurzes Gespräch zog. Kameradschaftlichen Worte fand der ehemalige Feldprobst für die zu beiden Seiten des Denkmales aufgestellten Soldaten Fritz Gormanns und Math. Stelkens. Aufrechte Bewunderung äußerte er auch über den wunderschönen Ehrenfriedhof und über das einen sinnlichen Gedanken verkörperte Ehrenmal. Jetzt legten die Kriegshinterbliebenen einen wundervollen Kranz mit der Widmung: „Unseren gefallenen Männern und Söhnen“ und die Kriegsweisen schmucke Blumengebinde am Ehrenmal nieder. Weitere Kranzniederlegungen erfolgen durch die Kriegsbeschädigten, den Kriegerverein und eine Anzahl weitere Vereine. Der Abmarsch zum Marktplatz. Auf der Alleestraße hatte sich währenddessen unter Leitung der Freiwilligen Feuerwehr, dank deren mustergültige Organisation auch die Ordnung auf dem Friedhofe in so staunenswerter Weise aufrecht erhalten werden konnte, der Festzug wieder neu geordnet, der dann im Vorbeimarsch von hochw. Herr Armeebischof und den Ehrengästen vor dem Niedick´schen Besitzung abgenommen wurde. Auf dem Marktplatze nahm dann Herr Bürgermeister Eger nochmals das Wort zu einer kurzen Ansprache, in der er ausführte: „Hochansehnliche Festversammlung! Liebe Kameraden! Vorab muss ich um Entschuldigung bitten, dass die Feier um eine Stunde verschoben werden musste. Der hochw. Herr Bischof war leider in Rheinberg nicht früher abkömmlich. Es ist mir eine ganz besondere Freude und Ehre, Sie, die Sie in so stattlicher Zahl von nah und fern heute in Lobberich gekommen sind, im Namen der Gemeindevertretung auf das herzlichste zu begrüßen. „Herzlich willkommen im schönen Lobberich, an der Grenzwacht“, rufe ich Ihnen allen zu. Ich danke Ihnen dafür, dass sie der Einladung der Gemeindeverwaltung zur Denkmalsweihe in so überaus großer Zahl gefolgt sind. Im besonderen rufe ich dem Kirchenfürsten, den hochwürdigsten Herrn Bischof Dr. Joeppen, meinen herzlichen Dank zu, weil er es sich nicht hat nehmen lassen, obschon er bis in den Nachmittag hinein in Rheinberg zu tun hatte, auch noch nach Lobberich zu kommen, um durch seine Anwesenheit und seine zu Herzen gehende Weihrede im Kreise seiner alten Soldaten das Fest zu verherrlichen. Ihnen, meine verehrten Gäste und Vereine, danke ich dafür, dass Sie durch Ihre so zahlreiche Beteiligung eine machtvolle Kundgebung für die Kriegerehrung erwiesen haben. Das ist der alte Geist, der gottlob noch in Ihren Reihen herrscht. Das ist die gute Kameradschaft und die Treue, die im letzten großen Kriege so manche Feuerproben glänzend bestanden haben. Kameradschaft und Treue, das sind zwei goldene Worte, die das gequälte deutsche Volk gerade in der Jetztzeit nötig hat und die uns wohl tun. Deshalb behalten Sie den alten guten Geist in ihrem Herzen, dann brauchen wir um die Zukunft unseres Landes nicht zu bangen. Bevor wir nun den Zug auflösen, um uns nachher in den verschiedenen lokalen zum zwanglosen Beisammensein wiederzusehen, bitte ich sie, mit mir einzustimmen in den Ruf: Kameradschaft, Treue, Vaterland, sie lebe hoch, hoch!“ Nachdem das Deutschlandlied gesungen, löste sich die Festversammlung auf. In den Sälen Bellenberg und im Gesellenhause hielten kameradschaftlichen Geist und die vorzüglichen, der Eigenart des Tages entsprechenden konzertlichen Unterhaltungen der beiden Musikvereine, das Mandolinenklubs und der Männer- Gesangvereine „Hoffnung“ und „Eintracht“ noch lange die Festteilnehmer zusammen. Ein Fackellauf der Turn– und Sportvereine am Abend bot der Bürgerschafft Lobberichs sowie den noch zahlreich anwesenden Gästen ein wundervolles Bild, das deutlicher als viele Worte es tun können, wie ein feierliches Gelöbnis der Jugend deren entschlossenen Willen bekundete, sich der tapferen Helden jetzt und nimmer würdig zu zeigen und an dem Wiederaufbau unseres Vaterlandes, für dessen Wohl und Wehe die Gefallenen ihr Leben dahingaben, tatkräftig mitzuarbeiten. Nachklänge Zur feierlichen Enthüllung des Krieger- Ehrenmals in Lobberich. Dort, wo die teuren Toten ruh´n in Frieden, Wo nicht mehr schlägt ihr treues, deutsches Herz Sie, die in Todeskampf von uns geschieden, Erlitten heißer Wunden tiefsten Schmerz: Da steh´n ergriffen wir in stillem Schauen Vor´m Ehrenmal, der Liebe kehren Gut: Der Himmel will mit Tränen es betauen, Als unser aller freud´ger Danktribut! Welch ungeheurer Schmerz hat in den Jahren Der Kriegeswirr´n des Volkes Seel´ durchwühlt, Da es, bedroht von Schauers Todesgefahren, Des Schicksals Hand so furchtbar hat gefühlt. Ein Wehe und des Jammers banges Klagen Sind von den Alpen bis zum Memelstrom Du, deutsches Volk, hast bitt´res Leid ertragen, Erscholl der Trauer Klang von Turm und Dom. Weh! Deutschlands Helden tot! Unsäglich Leiden Bracht´ uns des Sturmes wildumbrauste Zeit. Im Schlachtgewühl sie mussten von uns schieden, Um einzugeh´n zur Himmels Seligkeit. O, Helden all, begleitet von Gebeten, Die wir beim Tränenlauf zum Herrn gesandt, Seid ihr vor Gottes Herrscherthron getreten, Wo euch gekrönt des ew´gen Vaters Hand. So, wie ein Pharussturm am Seegestade Weit sendet nächtlich seinen lichten Schein Sollst, Ehrenmal, auf uns´ren Pilgerpfade Du stetig und der Ehrung Leitstern sein! Getragen von dem Säuseln der Zypressen, Schwing´ ein Gebet zum Herrn sich himmelwärts! Das hilft der Seele bitt´res Weh vergessen, Und bringt, o Volk, dir Trost in Leid und Schmerz! Hans Meyes.


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